1.Korintherbrief

Christus als Erstling: Die Wiederherstellung der Schöpfung!

Christus als Erstling: Die Wiederherstellung der Schöpfung!

1.Korinther 15,20–28

Chris­tus ist aufer­standen

“Nun aber ist Chris­tus aufer­standen von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Men­schen der Tod gekom­men ist, so kommt auch durch einen Men­schen die Aufer­ste­hung der Toten. Denn wie sie in Adam alle ster­ben, so wer­den sie in Chris­tus alle lebendig gemacht wer­den. Ein jed­er aber in sein­er Ord­nung: als Erstling Chris­tus; danach, wenn er kom­men wird, die, die Chris­tus ange­hören; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nach­dem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt ver­nichtet hat. Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« Psalm 110,1. Der let­zte Feind, der ver­nichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« Psalm 8,7. Wenn es aber heißt, alles sei ihm unter­wor­fen, so ist offen­bar, dass der ausgenom­men ist, der ihm alles unter­wor­fen hat. Wenn aber alles ihm unter­tan sein wird, dann wird auch der Sohn selb­st unter­tan sein dem, der ihm alles unter­wor­fen hat, damit Gott sei alles in allem.”

Nach der erschüt­tern­den Logik, nach dem Gang zum Abgrund, wen­det sich alles. „Nun aber ist Chris­tus aufer­standen von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind” (1. Korinther 15,20). Das „Nun aber” ist wie ein Atem­holen nach langer Stille. Es ist Wen­depunkt, Durch­bruch, Licht nach Dunkel­heit. Chris­tus ist aufer­standen. Das ist keine Hoff­nung, keine Möglichkeit, keine The­o­rie. Das ist eine Tat­sache, Ereig­nis, Wirk­lichkeit, das nicht geleugnet wer­den kann. Das Wort „Erstling” trägt eine Fülle von Bedeu­tung. Ein Erstling ist nicht ein­fach der Erste in ein­er Rei­he. Ein Erstling ist die erste Frucht ein­er Ernte, die Ver­heißung, dass mehr fol­gen wird. Wenn der Bauer die erste reife Ähre in der Hand hält, weiß er: Die Ernte kommt. Die erste Frucht beweist, dass der Boden frucht­bar ist, dass die Saat aufge­gan­gen ist, dass die Zeit der Reife gekom­men ist. So ist Chris­tus der Erstling unter den Toten. Seine Aufer­ste­hung ist nicht ein isoliertes Wun­der, das nur ihn bet­rifft. Sie ist der Anfang ein­er neuen Schöp­fung, die Garantie, dass auch die anderen fol­gen wer­den.

Paulus greift tief in die Geschichte zurück. „Denn da durch einen Men­schen der Tod gekom­men ist, so kommt auch durch einen Men­schen die Aufer­ste­hung der Toten” (1. Korinther 15,21). Der eine Men­sch, durch den der Tod gekom­men ist, ist Adam. Der eine Men­sch, durch den die Aufer­ste­hung kommt, ist Chris­tus. Diese Par­al­lelität ist nicht zufäl­lig. Sie zeigt, dass Gottes Plan von Anfang an darauf angelegt war, das Ver­lorene wieder­herzustellen, das Zer­broch­ene zu heilen. „Denn wie sie in Adam alle ster­ben, so wer­den sie in Chris­tus alle lebendig gemacht wer­den” (1. Korinther 15,22). In Adam ster­ben alle. Das ist die gemein­same Erfahrung der Men­schheit. Kein­er entkommt dem Tod. Er ist uni­versell, unauswe­ich­lich, endgültig. Aber in Chris­tus wer­den alle lebendig gemacht. Das Wort „lebendig gemacht” ist stark. Es bedeutet nicht ein­fach weit­er­leben oder fortbeste­hen. Es bedeutet: zum Leben erweckt wer­den, neu geschaf­fen wer­den, aus dem Tod her­aus­geris­sen wer­den.

Die bei­den Sphären ste­hen einan­der gegenüber: Adam und Chris­tus, Tod und Leben, Ver­loren­heit und Ret­tung. Jed­er Men­sch gehört zunächst zu Adam – zur gefal­l­enen Men­schheit, zur sterblichen Welt, die unter dem Fluch des Todes ste­ht. Wir tra­gen seine Spur in uns: die Zer­brech­lichkeit, die Schuld, die Vergänglichkeit. Doch in Chris­tus eröffnet Gott eine neue Wirk­lichkeit. In ihm entste­ht eine neue Men­schheit, ein neues Leben, eine neue Zuge­hörigkeit. Wer zu Chris­tus gehört, ste­ht nicht länger unter dem Zeichen des Todes, son­dern unter dem Zeichen der Aufer­ste­hung. Man ist nicht mehr nur „in Adam“, son­dern „in Chris­tus“ – und das bedeutet: Anteil an seinem Leben, sein­er Gerechtigkeit, sein­er Aufer­ste­hung.

Und genau das müssen wir begreifen: Die Frage ist nicht, ob wir zu ein­er religiösen Gruppe gehören oder ob wir christliche Werte teilen. Die Frage ist, in welch­er Wirk­lichkeit wir leben. Entwed­er wir bleiben in Adam – und damit im Tod. Oder wir sind in Chris­tus – und damit im Leben. Es gibt keinen drit­ten Weg, keinen neu­tralen Raum, keine Zwis­chen­zone. Paulus zeigt uns: Die Aufer­ste­hung ist nicht nur ein Ereig­nis, das Chris­tus bet­rifft, son­dern eine Macht, die uns hineinzieht in eine neue Exis­tenz. Wer Chris­tus gehört, gehört der kom­menden Welt. Wer in Chris­tus ist, hat bere­its jet­zt Anteil an dem Leben, das den Tod über­wun­den hat. Darum ist die Aufer­ste­hung nicht nur ein the­ol­o­gis­ch­er Punkt, son­dern der Wen­depunkt der Men­schheits­geschichte – und der Wen­depunkt jedes einzel­nen Lebens. In Adam ster­ben alle. In Chris­tus wer­den alle lebendig gemacht. Das ist nicht The­o­rie, son­dern Real­ität. Nicht Sym­bol, son­dern Schöp­fungskraft. Nicht Hoff­nung allein, son­dern Gewis­sheit. Und diese Gewis­sheit trägt uns – heute, im Ster­ben, und in der Ewigkeit.

„Ein jed­er aber in sein­er Ord­nung: als Erstling Chris­tus; danach, wenn er kom­men wird, die, die Chris­tus ange­hören” (1. Korinther 15,23). Es gibt eine Ord­nung, einen Ablauf, eine Rei­hen­folge. Zuerst Chris­tus, dann die, die ihm ange­hören. Die Aufer­ste­hung ist kein chao­tis­ches Ereig­nis, son­dern ein geord­neter Prozess. Chris­tus ist bere­its aufer­standen. Er ist der Erstling. Die anderen fol­gen, wenn er wiederkommt. Das bedeutet: Es gibt eine Zeit des Wartens, eine Zwis­chen­zeit, in der die Toten in Chris­tus noch schlafen, aber ihre Aufer­ste­hung ist gewiss. Sie ist nicht unsich­er oder zweifel­haft. Sie ste­ht fest, weil Chris­tus bere­its aufer­standen ist.

„Danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nach­dem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt ver­nichtet hat” (1. Korinther 15,24). Das Ende ist nicht Ver­nich­tung, son­dern Vol­len­dung. Es ist der Zeit­punkt, an dem Chris­tus sein Werk vol­len­det hat, an dem alle widergöt­tlichen Mächte besiegt sind, an dem die Herrschaft Gottes unange­focht­en ist. Chris­tus übergibt das Reich dem Vater. Das klingt zunächst selt­sam, als würde Chris­tus seine Herrschaft aufgeben. Aber es geht nicht um Abdankung, son­dern um Vol­len­dung. Das Reich, das Chris­tus errichtet hat, ist das Reich Gottes. Es war immer Gottes Reich. Chris­tus hat es erkämpft, wieder­hergestellt, von allen Fein­den befre­it. Nun übergibt er es dem Vater in vol­len­de­ter Gestalt.

„Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße legt” (1. Korinther 15,25). Das „muss” ist göt­tliche Notwendigkeit. Es ist kein Zwang von außen, son­dern innere Kon­se­quenz des göt­tlichen Plans. Chris­tus herrscht nicht, weil er Macht ergreifen will, son­dern weil Gott ihm die Herrschaft gegeben hat, um die Schöp­fung zu erlösen. Die Feinde müssen unter seine Füße gelegt wer­den. Das Bild stammt aus Psalm 110,1, wo Gott zum König spricht: „Set­ze dich zu mein­er Recht­en, bis ich deine Feinde zum Schemel dein­er Füße mache.” Es ist ein Bild voll­ständi­gen Sieges, voll­ständi­ger Unter­w­er­fung aller wider­streben­den Mächte.

„Der let­zte Feind, der ver­nichtet wird, ist der Tod“ (1. Korinther 15,26). Hier wird es konkret, exis­ten­ziell, unauswe­ich­lich. Der Tod ist nicht ein­fach ein biol­o­gis­ch­er Vor­gang oder das natür­liche Ende eines Leben­szyk­lus. Die Heilige Schrift nen­nt ihn Feind; den let­zten, den hart­näck­ig­sten, den mächtig­sten. Er gehört nicht zu Gottes ursprünglich­er Schöp­fung, son­dern ist die Folge der Sünde, der Riss, der durch die Men­schheit geht, die Wunde, die kein Men­sch heilen kann. Und genau dieser Feind wird ver­nichtet. Nicht besän­ftigt. Nicht umgedeutet. Nicht abgeschwächt. Ver­nichtet. Das griechis­che Wort meint: außer Kraft geset­zt, ent­machtet, sein­er Exis­ten­z­grund­lage beraubt. Der Tod ver­liert sein Recht, seine Herrschaft, seine Endgültigkeit. Und das ist mehr als ein the­ol­o­gis­ch­er Gedanke;: es ist die große Hoff­nung der Chris­ten­heit. Der Tod bleibt real, aber er ist nicht mehr endgültig. Er bleibt schmerzhaft, aber er ist nicht mehr siegre­ich. Er bleibt unser Feind, aber er ist ein besiegter Feind. Chris­tus hat ihn nicht umgan­gen, son­dern durch­schrit­ten. Er hat ihn nicht umgan­gen, son­dern über­wun­den. Und weil Chris­tus lebt, wird der Tod am Ende nicht das let­zte Wort haben, son­dern das erste Wort der neuen Schöp­fung: Leben.

Darum ist die Aufer­ste­hung nicht nur Trost für die Sterbestunde, son­dern Kraft für das Leben jet­zt. Wer weiß, dass der Tod besiegt ist, lebt anders: freier, mutiger, hoff­nungsvoller. Er klam­mert sich nicht an das Vergängliche, son­dern richtet sich auf das Unvergängliche aus. Er sieht die Welt nicht durch die Brille der Endlichkeit, son­dern durch die Ver­heißung der Ewigkeit. Der Tod ist der let­zte Feind – aber Chris­tus ist der let­zte Sieger. Und wer zu Chris­tus gehört, gehört dem Leben, das kein Grab hal­ten kann.

Das ist die let­zte große Auseinan­der­set­zung. Alle anderen Feinde, alle Herrschaften und Mächte und Gewal­ten, wer­den vorher besiegt. Aber der Tod bleibt bis zulet­zt. Er ist der hart­näck­ig­ste, der grundle­gend­ste, der schreck­lich­ste aller Feinde. Wenn er ver­nichtet ist, ist alles vol­len­det. Dann gibt es keine Tren­nung mehr, keinen Abschied, keine Trä­nen, kein Grab. Dann ist die Schöp­fung wieder­hergestellt in ihrer ursprünglichen Her­rlichkeit.

„Denn alles hat er unter seine Füße getan” (1. Korinther 15,27). Paulus zitiert nun Psalm 8,7, wo es um die Herrschaft des Men­schen über die Schöp­fung geht. Was Adam ver­loren hat, was die Men­schheit ver­spielt hat, das hat Chris­tus wieder­hergestellt. Er ist der wahre Men­sch, der neue Adam, der die Herrschaft ausübt, die Gott der Men­schheit zugedacht hat­te. Aber diese Herrschaft ist keine Willkür, keine Aus­beu­tung, keine Unter­drück­ung. Sie ist Wieder­her­stel­lung der göt­tlichen Ord­nung, Heilung der zer­broch­enen Beziehun­gen, Ver­söh­nung der Schöp­fung mit ihrem Schöpfer.

„Wenn es aber heißt, alles sei ihm unter­wor­fen, so ist offen­bar, dass der ausgenom­men ist, der ihm alles unter­wor­fen hat” (1. Korinther 15,27). Paulus fügt eine wichtige Klarstel­lung hinzu. Wenn gesagt wird, dass alles Chris­tus unter­wor­fen ist, dann ist selb­stver­ständlich Gott der Vater ausgenom­men. Er ist es ja, der Chris­tus alles unter­wor­fen hat. Es gibt keine Konkur­renz zwis­chen Vater und Sohn, keine Rival­ität, keine Hier­ar­chie im Sinne von Unter­drück­ung. Es gibt Ord­nung im Sinne von liebevoller Beziehung, von Zusam­men­wirken, von gemein­samer Absicht. Ger­ade hier zeigt sich die Schön­heit der göt­tlichen Ord­nung. Wenn Paulus betont, dass der Vater ausgenom­men ist, dann macht er deut­lich: Alles, was Chris­tus empfängt, empfängt er aus der Hand des Vaters – und alles, was Chris­tus vol­len­det, führt er zum Vater zurück. Es ist ein Kreis­lauf göt­tlich­er Liebe, kein Machtkampf. Der Sohn herrscht, weil der Vater es will; der Vater ver­her­rlicht den Sohn, weil der Sohn seinen Willen tut. In dieser vol­lkomme­nen Ein­heit gibt es keine Konkur­renz, son­dern gegen­seit­ige Hingabe. Der Vater unter­wirft alles Chris­tus, damit Chris­tus am Ende alles dem Vater übergibt. So wird sicht­bar: Die Herrschaft Christi ist nicht Selb­stzweck, son­dern Teil des großen Heil­swerks Gottes, in dem Vater, Sohn und Geist gemein­sam han­deln, um die Schöp­fung zu erneuern und den Tod endgültig zu besiegen.

„Wenn aber alles ihm unter­tan sein wird, dann wird auch der Sohn selb­st unter­tan sein dem, der ihm alles unter­wor­fen hat, damit Gott sei alles in allem” (1. Korinther 15,28). Das ist der let­zte, der vol­len­dende Gedanke. Wenn Chris­tus sein Werk vol­len­det hat, wenn alle Feinde besiegt sind, wenn der Tod ver­nichtet ist, dann ord­net sich auch der Sohn dem Vater unter. Das ist nicht Erniedri­gung, son­dern Vol­len­dung. Es ist die Wieder­her­stel­lung der vol­lkomme­nen Har­monie, der vol­lkomme­nen Ein­heit, der vol­lkomme­nen Liebe. „Damit Gott sei alles in allem” (1. Korinther 15,28). Das ist das Ziel der Geschichte, das Ziel der Erlö­sung, das Ziel der Schöp­fung. Gott ist nicht ein Teil der Wirk­lichkeit neben anderen Teilen. Er ist alles in allem. Er durch­dringt alles, erfüllt alles, ist gegen­wär­tig in allem. Es gibt keine got­t­losen Bere­iche mehr, keine got­tfer­nen Zonen, keine Dunkel­heit, in die sein Licht nicht dringt. Die Schöp­fung ist dann das, was sie von Anfang an sein sollte: durch­sichtig für Gottes Her­rlichkeit, erfüllt von sein­er Gegen­wart, lebend aus sein­er Liebe.

Diese Vision ist atem­ber­aubend. Sie reicht vom Anfang der Geschichte bis zu ihrem Ende, von Adam bis zur Vol­len­dung, vom Tod bis zum Leben. Sie zeigt, dass Gottes Plan nicht gescheit­ert ist, dass die Sünde nicht das let­zte Wort hat, dass der Tod nicht siegen wird. Chris­tus ist der Wen­depunkt, der Erstling, der neue Adam. In ihm ist die Zukun­ft bere­its Gegen­wart gewor­den. Seine Aufer­ste­hung ist das Ver­sprechen, dass auch wir aufer­ste­hen wer­den, dass auch wir teil­haben wer­den an der vol­len­de­ten Schöp­fung, dass auch wir leben wer­den in ein­er Welt, in der Gott alles in allem ist. Das ist keine Flucht aus der Gegen­wart. Das ist Hoff­nung, die das Leben hier und jet­zt ver­wan­delt. Wer weiß, dass der Tod besiegt wird, kann anders leben. Wer weiß, dass Chris­tus herrscht, kann anders lei­den. Wer weiß, dass Gott alles in allem sein wird, kann anders hof­fen. Die Aufer­ste­hung ist nicht nur Zukun­ft. Sie wirft ihr Licht zurück in die Gegen­wart und gibt dem Leben Sinn, Rich­tung, Hoff­nung.

Ehre sei Gott allein, dem Ursprung und Ziel unseres Weges. Amen.

Published by BBECK