10 Gebote Gottes

Der Name Gottes: Zwischen Heiligkeit und Missbrauch!

Der Name Gottes: Zwischen Heiligkeit und Missbrauch!

2.Mose 20,7

“Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht miss­brauchen.”

Es gibt Worte, die man nicht leicht­fer­tig ausspricht. Namen, die Gewicht haben, die Geschichte tra­gen, die Bedeu­tung in sich bergen. Der Name eines Men­schen ist mehr als ein Etikett. Er ist ver­bun­den mit sein­er Iden­tität, sein­er Würde, sein­er Geschichte. Wenn wir den Namen eines Men­schen in den Schmutz ziehen, ver­let­zen wir nicht nur seine Ehre, wir ver­let­zen ihn selb­st. Das dritte Gebot spricht von einem Namen, der alle anderen Namen über­steigt: “Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht miss­brauchen; denn der HERR wird den nicht unges­traft lassen, der seinen Namen miss­braucht” (2. Mose 20,7). Es ist ein Gebot, das uns in eine Hal­tung der Ehrfurcht ruft, nicht aus Angst, son­dern aus der Erken­nt­nis, dass hier etwas Heiliges berührt wird, etwas, das nicht ver­füg­bar ist für unsere Zwecke.

In der antiken Welt war der Name nicht ein­fach eine Beze­ich­nung. Der Name war Aus­druck des Wesens. Wer den Namen kan­nte, hat­te Zugang zur Per­son. Wer den Namen aussprechen kon­nte, hat­te eine Form von Beziehung. Deshalb war die Offen­barung des Namens Gottes am bren­nen­den Dorn­busch ein so bedeut­samer Moment. Mose fragte nach dem Namen dessen, der ihn sandte, und Gott antwortete: “Ich werde sein, der ich sein werde” (2. Mose 3,14). Dann sagte er: “So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR, der Gott eur­er Väter, der Gott Abra­hams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht” (2. Mose 3,15). Der Name JHWH, der heilige Name, wurde Israel gegeben als Zeichen der Beziehung, als Aus­druck der Nähe Gottes, als Möglichkeit, ihn anzu­rufen.

Aber mit dieser Gabe kam auch eine Ver­ant­wor­tung. Der Name durfte nicht leicht­fer­tig ver­wen­det wer­den. Er durfte nicht für eigene Zwecke instru­men­tal­isiert wer­den. Er durfte nicht in ein­er Weise aus­ge­sprochen wer­den, die seine Heiligkeit ver­leugnete. Das dritte Gebot schützt diese Heiligkeit. Es sagt: Dieser Name ist kost­bar. Behan­dle ihn mit Ehrfurcht. Miss­brauche ihn nicht.

Aber ger­ade darin liegt unsere Zer­brech­lichkeit offen zutage. Das Gegen­teil ist oft der Fall: Wie häu­fig miss­brauchen wir den Namen Gottes für unsere eige­nen Zwecke – für poli­tis­che Agen­den, für religiöse Macht­spiele, für moralis­che Selb­stüber­höhung. Wir instru­men­tal­isieren ihn, um unsere Posi­tio­nen zu stützen, unsere Grup­pen zu stärken, unsere Überzeu­gun­gen zu adeln. Und nie­mand ist davor immun. Nicht ein­mal die From­men, nicht ein­mal die Streng­sten, nicht ein­mal jene, die sich „bibel­treu“ nen­nen. Der Miss­brauch des Namens Gottes ist kein Rand­phänomen der Got­t­losen, son­dern eine Ver­suchung mit­ten im Volk Gottes. Ger­ade deshalb ruft uns das dritte Gebot zur Umkehr, zur Demut und zur heili­gen Scheu vor dem Namen, der uns nicht gehört.

Was bedeutet es, den Namen Gottes zu miss­brauchen? Die erste und offen­sichtlich­ste Form ist der Meineid, das falsche Schwören. In der antiken Recht­sprax­is war der Eid eine heilige Hand­lung. Man rief Gott als Zeu­gen an für die Wahrheit der eige­nen Aus­sage. “So wahr der HERR lebt” war eine gängige Formel. Wer beim Namen Gottes schwor und dann log, miss­brauchte diesen Namen. Er machte Gott zum Kom­plizen sein­er Lüge. Er zog die Heiligkeit Gottes hinein in seine eigene Unredlichkeit. Jesus hat später gesagt: “Ich aber sage euch, dass ihr über­haupt nicht schwören sollt, wed­er bei dem Him­mel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel sein­er Füße” (Matthäus 5,34–35). Er radikalisierte das Gebot, indem er sagte: Eure Wahrhaftigkeit soll so selb­stver­ständlich sein, dass ihr keine Eide braucht. “Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen” (Matthäus 5,37).

Aber der Miss­brauch des Namens Gottes geht tiefer als falsches Schwören. Er geschieht über­all dort, wo der Name Gottes ver­wen­det wird, um eigene Inter­essen zu legit­imieren, um Macht auszuüben, um andere zu manip­ulieren. Die Geschichte ist voll von Beispie­len, wo Men­schen im Namen Gottes Kriege führten, die nichts mit Gottes Willen zu tun hat­ten. Wo sie im Namen Gottes unter­drück­ten, aus­beuteten, verurteil­ten. Wo sie Gottes Namen als Waffe ein­set­zten gegen Schwache, gegen Ander­s­denk­ende, gegen Abwe­ich­ler. Das ist Miss­brauch in sein­er schlimm­sten Form. Es ist nicht nur eine Ver­let­zung des drit­ten Gebots, es ist eine Gottes­lästerung, weil es Gott zum Urhe­ber von Ungerechtigkeit macht, ihn zum Ver­bün­de­ten des Bösen erk­lärt.

Kommt uns das nicht erschreck­end bekan­nt vor – heute? Wir erleben doch, wie sich auch in unser­er Gegen­wart Men­schen auf Gott berufen, um Gewalt zu recht­fer­ti­gen, um nationale Inter­essen zu verk­lären, um Kriege als „heilig“ zu bemän­teln. In öffentlichen Reden, in religiösen Parolen, in poli­tis­chen Botschaften wird Gottes Name benutzt, als gehöre er ihnen. Und zugle­ich hören wir im All­t­ag die acht­lose Floskel: „Ich schwöre bei Gott, Bro“ – ein beiläu­figer, gedanken­los­er Gebrauch des Heilig­sten, der zeigt, wie sehr der Name Gottes im Sprachge­brauch ver­flacht ist. Bei­des – die große poli­tis­che Instru­men­tal­isierung und die kleine alltägliche Gedanken­losigkeit – entspringt der­sel­ben Wurzel: dem Ver­lust der Ehrfurcht. Dem Vergessen, dass dieser Name uns nicht zur Ver­fü­gung ste­ht.

Ist uns über­haupt bewusst, dass all das eine Form von Gottes­lästerung ist? Dass wir, wenn wir Gottes Namen für unsere Zwecke miss­brauchen, ihn in den Dienst unser­er eige­nen Inter­essen stellen und damit seine Heiligkeit ver­dunkeln? Und warum schweigen so viele Chris­ten darüber? Vielle­icht, weil wir spüren, dass wir selb­st nicht frei davon sind. Vielle­icht, weil es leichter ist, über die Sün­den der Welt zu kla­gen, als die eige­nen religiösen Muster zu hin­ter­fra­gen. Vielle­icht auch, weil wir Angst haben, anzueck­en, wenn wir Gottes Namen gegen seine Instru­men­tal­isierung vertei­di­gen. Doch ger­ade dieses Schweigen macht den Miss­brauch erst möglich. Wo die Ehrfurcht ver­s­tummt, wird der heilige Name zur Floskel, zur Parole, zum Werkzeug men­schlich­er Macht.

Die Propheten haben diese Form des Miss­brauchs immer wieder angeprangert. Jere­mia schrie gegen die falschen Propheten, die im Namen Gottes sprachen, was Gott nicht gesagt hat­te: “Aber der HERR sprach zu mir: Diese Propheten weis­sagen Lüge in meinem Namen; ich habe sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen und nicht zu ihnen gere­det. Sie predi­gen euch falsche Offen­barun­gen, nichtige Wahrsa­gung und ihres Herzens Trug” (Jere­mia 14,14). Diese Men­schen benutzten den Namen Gottes, um ihrer eige­nen Botschaft Autorität zu ver­lei­hen. Sie macht­en sich zu Sprech­ern Gottes, ohne von ihm berufen zu sein. Das ist Miss­brauch. Das ist Anmaßung. Das ist Sünde.

Auch heute geschieht das. Wenn Predi­ger im Namen Gottes Wohl­stand ver­sprechen und damit die Hoff­nun­gen verzweifel­ter Men­schen aus­beuten. Wenn Poli­tik­er Gottes Segen für ihre Agen­da beanspruchen, ohne zu fra­gen, ob ihre Poli­tik wirk­lich den Willen Gottes wider­spiegelt. Wenn religiöse Führer den Namen Gottes benutzen, um Kon­trolle auszuüben, um Gehor­sam zu erzwin­gen, um Kri­tik zum Schweigen zu brin­gen. Wenn Men­schen in den sozialen Medi­en im Namen Gottes richt­en, verurteilen, aus­gren­zen, ohne die Liebe und Barmherzigkeit zu zeigen, die Gottes Wesen aus­machen. All das ist Miss­brauch des Namens Gottes. Es macht Gott klein, es verz­er­rt sein Wesen, es führt andere in die Irre.

Aber es gibt auch sub­tilere For­men des Miss­brauchs. Wenn wir Gott als Lück­en­büßer benutzen für unsere eige­nen Unzulänglichkeit­en. Wenn wir sagen “Gott hat mir das aufs Herz gelegt”, obwohl es in Wahrheit nur unser eigen­er Wun­sch ist. Wenn wir “Gott seg­ne dich” sagen als religiöse Floskel, ohne dass unser Herz dabei ist. Wenn wir Gottes Namen in unsere Gebete streuen, um sie from­mer klin­gen zu lassen, ohne wirk­lich mit ihm zu reden. Wenn wir “im Namen Jesu” beten, als wäre das eine magis­che Formel, die unseren Gebeten Wirk­samkeit ver­lei­ht, statt Aus­druck unser­er Beziehung zu ihm. All das kann Miss­brauch sein, wenn es gedanken­los geschieht, wenn es zur Rou­tine wird, wenn es keine innere Wahrhaftigkeit mehr hat.

Und ger­ade die sub­til­eren For­men des Miss­brauchs bleiben vie­len Chris­ten – vielle­icht beson­ders jenen, die sich „bibel­treu“ oder „evan­ge­likal“ nen­nen – oft unbe­wusst. Denn wer sich selb­st auf der Seite der Wahrheit wäh­nt, merkt nicht, wie schnell er im Namen Gottes richtet, verurteilt, abgren­zt. In den sozialen Medi­en geschieht das täglich: Da wird im Namen Gottes geurteilt, moral­isiert, angeklagt, als hätte man selb­st einen direk­ten Auf­trag des Him­mels. Man meint, im Recht zu sein, weil man sich auf Gott beruft – und merkt nicht, dass genau das der Kern des Miss­brauchs ist. Wo Gottes Name zur Waffe in Debat­ten wird, wo er benutzt wird, um andere kleinzu­machen oder zu über­führen, dort ist nicht Gottes Geist am Werk, son­dern men­schlich­er Eifer, religiös verklei­det. Und ger­ade deshalb ist es so gefährlich: weil es fromm aussieht, aber den heili­gen Namen in den Dienst unser­er eige­nen Empfind­un­gen stellt

Das dritte Gebot fordert von uns eine tiefe Ehrlichkeit. Meinst du das wirk­lich, was du sagst, wenn du den Namen Gottes gebrauchst? Bist du dir sein­er Bedeu­tung bewusst? Oder ist es nur eine Gewohn­heit, eine Floskel, ein religiös­es Dekor? Die jüdis­che Tra­di­tion hat dieses Gebot so ernst genom­men, dass sie den Namen JHWH über­haupt nicht mehr aussprach. Sie erset­zte ihn durch “Adon­ai” oder “Herr”, aus Furcht, den heili­gen Namen zu entwei­hen. Das mag uns über­trieben erscheinen, aber es zeigt ein Bewusst­sein für die Heiligkeit, das uns oft fehlt. Wir sprechen so leicht­fer­tig von Gott, so selb­stver­ständlich, so beiläu­fig. Wir haben die Ehrfurcht ver­loren.

Dann gibt es auch jene, die Gott mit Kose­na­men wie „Papi“ oder „Vati“ anre­den – oft aus dem Wun­sch her­aus, Nähe und Ver­trauen auszu­drück­en. Doch so ver­ständlich dieses Bedürf­nis ist, so schnell kann es die Heiligkeit Gottes ver­dunkeln. Denn Gott ist nicht eine Ver­längerung unser­er famil­iären Erfahrun­gen, nicht ein himm­lis­ch­er Ersatz­vater, den wir nach unserem Gefühl for­men. Wo wir ihn auf eine men­schliche Ebene her­abziehen, ver­lieren wir das Staunen, die Ehrfurcht, die heilige Scheu. Nähe ohne Heiligkeit wird sen­ti­men­tal; Heiligkeit ohne Nähe wird kalt. Das dritte Gebot ruft uns dazu, bei­des zusam­men­zuhal­ten: Gott ist uns Vater – aber er bleibt der Heilige. Und sein Name ist kein Spiel­raum für unsere Pro­jek­tio­nen.

Die Ehrfurcht ist nicht Angst. Sie ist nicht das Zit­tern vor einem tyran­nis­chen Herrsch­er. Sie ist die Hal­tung des Geschöpfs vor dem Schöpfer, die Hal­tung des Beschenk­ten vor dem Geber, die Hal­tung des Geliebten vor dem Lieben­den. Es ist die Hal­tung, die weiß: Hier ste­he ich auf heiligem Boden. Hier bin ich nicht Herr, son­dern Gast. Hier darf ich sein, aber nicht, weil ich ein Recht darauf habe, son­dern weil ich ein­ge­laden bin. Diese Ehrfurcht verän­dert unseren Umgang mit Gottes Namen. Sie lässt uns innehal­ten, bevor wir ihn aussprechen. Sie lässt uns nach­denken, bevor wir behaupten, in seinem Namen zu sprechen. Sie lässt uns demütig wer­den. Jesus hat uns gezeigt, wie man den Namen des Vaters heiligt. Im Vaterunser ist das die erste Bitte: “Geheiligt werde dein Name” (Matthäus 6,9). Nicht: Wir heili­gen deinen Namen. Son­dern: Dein Name werde geheiligt. Es ist eine Bitte, dass Gott selb­st dafür sorgt, dass sein Name in der Welt als heilig erkan­nt wird, dass seine Her­rlichkeit sicht­bar wird, dass seine Wahrheit ans Licht kommt. Aber es ist auch eine Selb­stverpflich­tung. Wer so betet, sagt: Ich will dazu beitra­gen, dass dein Name geheiligt wird. Ich will so leben, dass mein Leben deine Her­rlichkeit wider­spiegelt, nicht ver­dunkelt. Ich will so reden, dass meine Worte deine Wahrheit bezeu­gen, nicht ver­drehen.

Jesus selb­st hat den Namen des Vaters geheiligt durch sein ganzes Leben. Er hat nicht nur über Gott gere­det, er hat Gott sicht­bar gemacht. “Ich habe deinen Namen den Men­schen offen­bart, die du mir aus der Welt gegeben hast” (Johannes 17,6). Das bedeutete nicht, dass er den Namen JHWH aussprach, son­dern dass er das Wesen Gottes offen­barte. Er zeigte, wer Gott ist: barmherzig, gerecht, heilig, liebevoll. Er zeigte, was Gott will: dass Men­schen heil wer­den, dass Beziehun­gen wieder­hergestellt wer­den, dass das Reich Gottes kommt. Er zeigte, wie Gott han­delt: indem er sich hin­gibt, indem er dient, indem er liebt bis zum Äußer­sten. Das ist die wahre Heili­gung des Namens Gottes.

Am Kreuz hat Jesus den Namen Gottes auf die radikalste Weise geheiligt. Er hätte Gottes Namen miss­brauchen kön­nen, indem er zwölf Legio­nen Engel herabrief, wie er sagte (Matthäus 26,53). Er hätte Gottes Macht demon­stri­eren kön­nen, um sich selb­st zu ret­ten. Aber er tat es nicht. Er blieb am Kreuz. Er erduldete den Spott, die Schande, den Tod. Und ger­ade darin wurde Gottes Name geheiligt, weil hier seine Liebe offen­bar wurde, seine Treue, seine Gerechtigkeit. “Damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat” (Johannes 5,23). Jesus ist der Name über allen Namen, der Name, in dem das Heil ist. “Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andr­er Name unter dem Him­mel den Men­schen gegeben, durch den wir sollen selig wer­den” (Apos­telgeschichte 4,12).

Das hat Kon­se­quen­zen für uns. Wenn wir Chris­ten sind, tra­gen wir den Namen Christi. Wir sind nach ihm benan­nt. Das ist eine Würde, aber auch eine Ver­ant­wor­tung. Paulus schreibt: “Ihr seid Christi, Chris­tus aber ist Gottes” (1. Korinther 3,23). Wir gehören zu ihm. Wir repräsen­tieren ihn. Men­schen schauen auf uns und bilden sich ein Urteil über Chris­tus, über Gott. Das ist eine ernüchternde Erken­nt­nis. Es bedeutet, dass unser Ver­hal­ten, unsere Worte, unsere Entschei­dun­gen Auswirkun­gen haben, die weit über uns selb­st hin­aus­ge­hen. Wenn wir lieb­los sind, denken Men­schen, dass Gott lieb­los ist. Wenn wir heuch­lerisch sind, denken Men­schen, dass der Glaube Heuchelei ist. Wenn wir unbarmherzig sind, denken Men­schen, dass Gott unbarmherzig ist. Paulus warnt die Römer: “Denn euretwe­gen wird Gottes Name gelästert unter den Hei­den” (Römer 2,24). Das ist eine harte Anklage, aber sie gilt auch uns. Unser Leben kann dazu führen, dass Gottes Name miss­braucht, missver­standen, ver­achtet wird.

Seien wir doch ehrlich: Gute und vor­bildliche Repräsen­tan­ten Christi sind wir Chris­ten oft nicht – wed­er im All­t­ag draußen noch in den sozialen Net­zw­erken. Dort, wo unser Leben eigentlich den Duft Christi tra­gen sollte, ver­bre­it­en wir manch­mal eher den Geruch unser­er eige­nen Ver­let­zun­gen, unser­er Rechthaberei, unser­er Unreife. In den dig­i­tal­en Räu­men, in denen jed­er alles kom­men­tieren kann, zeigen wir nicht sel­ten ein Bild von Christ­sein, das wenig mit Chris­tus zu tun hat: hart, unbarmherzig, spöt­tisch, belehrend. Und die Welt schaut zu. Sie bildet sich ein Urteil – nicht nur über uns, son­dern über den, dessen Namen wir tra­gen. Das ist die ernüchternde Wahrheit: Unser Ver­hal­ten kann Gottes Namen groß machen oder ihn ver­acht­en lassen.

Aber unser Leben kann auch dazu führen, dass Gottes Name geheiligt wird. Jesus sagt: “So lasst euer Licht leucht­en vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Him­mel preisen” (Matthäus 5,16). Nicht damit sie uns preisen, son­dern damit sie den Vater preisen. Das ist der Unter­schied. Wenn wir leben, um Aufmerk­samkeit auf uns zu ziehen, miss­brauchen wir let­ztlich auch den Namen Gottes, weil wir uns selb­st an seine Stelle set­zen. Aber wenn wir leben, um auf ihn hinzuweisen, wenn unser Leben trans­par­ent wird für seine Liebe, seine Gnade, seine Wahrheit, dann wird sein Name geheiligt.

Das dritte Gebot mah­nt uns auch zur Vor­sicht im Reden über Gott. Jakobus schreibt: “Nicht viele von euch sollen Lehrer wer­den, meine Brüder, denn ihr wisst, dass wir ein desto stren­geres Urteil emp­fan­gen wer­den” (Jakobus 3,1). Wer im Namen Gottes redet, trägt eine beson­dere Ver­ant­wor­tung. Wer lehrt, wer predigt, wer in irgen­dein­er Form für andere zum geistlichen Leit­er wird, muss sich bewusst sein, dass er oder sie nicht leicht­fer­tig sprechen darf. Jedes Wort hat Gewicht. Jede Ausle­gung kann Men­schen helfen, ver­let­zen oder ver­führen. Jede Verkündi­gung kann Men­schen näher zu Gott brin­gen oder von ihm wegführen. Das ist eine Last, die demütig macht. Es sollte uns zögern lassen, schnell zu urteilen, schnell zu behaupten, schnell zu verkündi­gen. Es sollte uns treiben, immer wieder zur Quelle zurück­zukehren, zur Heili­gen Schrift, zum Gebet, zur Gemein­schaft, um sicherzustellen, dass das, was wir sagen, wirk­lich von Gott kommt und nicht nur unsere eigene Mei­n­ung ist.

Doch heute erleben wir oft das Gegen­teil. Jed­er möchte predi­gen, jed­er möchte lehren, ermah­nen, kor­rigieren, urteilen – und das nicht sel­ten ohne Beru­fung, ohne Prü­fung, ohne Demut. In sozialen Medi­en, in Grup­pen, in Kom­mentaren sprechen Men­schen mit ein­er Selb­stver­ständlichkeit „im Namen Gottes“, als wäre das ihr Recht. Vie­len ist nicht bewusst, dass genau hier der Miss­brauch des Namens Gottes begin­nt: wenn wir unsere eige­nen Gedanken, Gefüh­le oder Überzeu­gun­gen mit göt­tlich­er Autorität ausstat­ten. Wenn wir meinen, unsere Mei­n­ung sei Gottes Wille. Wenn wir aus spon­ta­nen Impulsen her­aus geistliche Urteile fällen. Wo jed­er zum Lehrer wird, ohne Lehrer zu sein, wo jed­er verkündigt, ohne geprüft zu haben, wo jed­er ermah­nt, ohne selb­st unter dem Wort Gottes zu ste­hen – dort wird der heilige Name leicht zur Legit­i­ma­tion men­schlich­er Eit­elkeit. Und das dritte Gebot ruft uns ger­ade hier zur heili­gen Vor­sicht.

Die Ver­suchung ist groß, Gott für unsere eige­nen Überzeu­gun­gen zu vere­in­nah­men. In the­ol­o­gis­chen Debat­ten, in ethis­chen Diskus­sio­nen, in poli­tis­chen Auseinan­der­set­zun­gen ist es so ein­fach zu sagen: Gott ist auf mein­er Seite. Gott denkt so wie ich. Wer anders denkt, ist gegen Gott. Das ist gefährlich. Es macht Gott zu unser­er Mar­i­onette, zu einem Ver­stärk­er unser­er eige­nen Stimme. Das dritte Gebot fordert uns auf, beschei­den­er zu sein. Vielle­icht soll­ten wir öfter sagen: Ich denke, dass Gott das will, aber ich kön­nte mich irren. Ich ver­ste­he die Heilige Schrift so, aber es gibt andere Ver­ständ­nisse. Ich bete für Klarheit, aber ich beanspruche nicht, die let­zte Wahrheit zu besitzen. Diese Hal­tung ist nicht Rel­a­tivis­mus. Sie ist Demut. Sie ist Ehrfurcht vor dem Geheim­nis Gottes, der größer ist als unser Ver­ste­hen.

Es gibt auch einen Miss­brauch des Namens Gottes in der Fröm­migkeit selb­st. Wenn wir religiöse Sprache ver­wen­den, um uns selb­st bess­er zu fühlen, um Anerken­nung zu bekom­men, um uns von anderen abzuheben. Wenn wir beten, um gese­hen zu wer­den, wenn wir von Gott reden, um fromm zu wirken, wenn wir geistliche Worte benutzen als Fas­sade, hin­ter der wir unser wahres Ich ver­steck­en. Jesus hat das bei den Phar­isäern gese­hen: “Weh euch, Schrift­gelehrte und Phar­isäer, ihr Heuch­ler, die ihr seid wie die übertüncht­en Gräber, die von außen hüb­sch ausse­hen, aber innen sind sie voller Totenge­beine und lauter Unrat! So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Men­schen gerecht, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht” (Matthäus 23,27–28). Harte Worte, aber sie tre­f­fen einen Punkt. Fröm­migkeit kann zur Maske wer­den. Religiöse Sprache kann zur Lüge wer­den. Und wenn das geschieht, wird Gottes Name miss­braucht auf die sub­til­ste und gefährlich­ste Weise, weil es im Gewand der Heiligkeit daherkommt.

Das dritte Gebot ruft uns zu Echtheit. Es sagt: Sei wahrhaftig. Wenn du betest, dann bete wirk­lich. Wenn du von Gott sprichst, dann sprich aus Überzeu­gung, nicht aus Gewohn­heit. Wenn du seinen Namen nennst, dann tu es mit Bewusst­sein, mit Ehrfurcht, mit Liebe. Lass deinen Glauben keine Fas­sade sein, son­dern eine gelebte Wirk­lichkeit. Das ist anspruchsvoll, weil es uns keine Ver­stecke lässt. Es zieht uns hinein in die Wahrhaftigkeit, die manch­mal wehtut, die uns unsere Schwäche zeigt, die uns demütig macht. Aber nur in dieser Wahrhaftigkeit kön­nen wir wirk­lich mit Gott leben.

Die Ver­heißung des drit­ten Gebots ist ernst: “Der HERR wird den nicht unges­traft lassen, der seinen Namen miss­braucht.” Das ist keine Dro­hung eines rach­süchti­gen Gottes, son­dern die Fest­stel­lung ein­er Real­ität. Wer Gottes Namen miss­braucht, tren­nt sich von der Quelle des Lebens. Der tren­nt sich von dem lebendi­gen Gott selb­st. Wer leicht­fer­tig mit dem Heili­gen umge­ht, ver­liert das Gespür für das Heilige. Wer Gott für eigene Zwecke instru­men­tal­isiert, ver­liert die Beziehung zu dem lebendi­gen Gott. Die Strafe ist nicht eine äußere Bestra­fung, die von außen kommt, son­dern die innere Kon­se­quenz des Bruchs. Wer den Namen Gottes miss­braucht, ent­fremdet sich von Gott selb­st. Und das ist die größte Strafe, die es geben kann.

Aber die Botschaft des Evan­geli­ums ist, dass wir nicht hoff­nungs­los sind, wenn wir ver­sagt haben. Wenn wir Gottes Namen miss­braucht haben, ob wissentlich oder unwissentlich, ob grob oder sub­til, gibt es einen Weg zurück. Jesus ist dieser Weg. Er hat den Namen des Vaters vol­lkom­men geheiligt, und durch ihn kön­nen wir Verge­bung find­en. “Wenn wir aber unsre Sün­den beken­nen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sün­den vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit” (1. Johannes 1,9). Die Gnade Gottes ist größer als unser Ver­sagen. Sein Name ist nicht nur ein Name, den wir heili­gen sollen, son­dern ein Name, der uns heiligt, der uns heilt, der uns wieder­her­stellt. Das dritte Gebot lädt uns ein, in eine neue Beziehung zum Namen Gottes zu treten. Eine Beziehung, die von Ehrfurcht geprägt ist, aber auch von Ver­trautheit. Eine Beziehung, die den Namen nicht leicht­fer­tig ausspricht, aber ihn auch nicht scheut. Eine Beziehung, die weiß: Dieser Name ist heilig, aber er ist auch der Name dessen, der uns liebt, der uns ken­nt, der uns ruft. Wir dür­fen seinen Namen anrufen. Wir dür­fen zu ihm kom­men. Wir dür­fen in seinem Namen beten, han­deln, leben. Aber wir tun es mit Bewusst­sein, mit Respekt, mit Liebe, mit Demut und großer Ehrfurcht. Wir tun es nicht als Recht, son­dern als Geschenk. Wir tun es nicht als Besitz, son­dern als Gnade.

Vielle­icht ist die beste Weise, den Namen Gottes zu heili­gen, nicht viel über ihn zu reden, son­dern viel mit ihm zu reden. Nicht über Gott zu sprechen wie über einen Gegen­stand, son­dern mit ihm zu leben wie mit einem Gegen­wär­ti­gen. Nicht über Gott zu sprechen, als stünde man über ihm, son­dern mit ihm zu leben. Nicht seinen Namen als Argu­ment zu benutzen, son­dern seinen Namen als Zuflucht zu ken­nen. “Der Name des HERRN ist ein festes Schloss; der Gerechte läuft dor­thin und wird beschirmt” (Sprüche 18,10). Das ist die Ver­heißung. Sein Name ist Schutz, Zuflucht, Heimat. Und wer das erfährt, wird seinen Namen nie wieder leicht­fer­tig aussprechen.

Ehre sei Gott allein, dem Ursprung und Ziel unseres Weges. Amen.

Published by BBECK