10 Gebote Gottes

Zwischen Anbetung und Abgötterei!

Zwischen Anbetung und Abgötterei!

2.Mose 20,4–6; 5. Mose 5,8–10

“Du sollst dir kein Bild­nis machen und keine anderen Mächte verehren oder ihnen dienen.” 

Es gibt eine Sehn­sucht im Men­schen, Gott zu erfassen, ihn greif­bar zu machen, ihn zu sehen. Wir wollen nicht im Nebel tas­ten, nicht im Dunkeln glauben. Wir wollen Gewis­sheit, Klarheit, etwas, das wir vor Augen haben kön­nen. Diese Sehn­sucht ist nicht ver­w­er­flich. Sie ist zutief­st men­schlich. Aber genau in diese Sehn­sucht hinein spricht das zweite Gebot: “Du sollst dir kein Bild­nis noch irgen­dein Gle­ich­nis machen, wed­er von dem, was oben im Him­mel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wass­er unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht” (2. Mose 20,4–5). Es ist ein Gebot, das uns vor ein­er tiefen Gefahr schützt, ein­er Gefahr, die ger­ade dort lauert, wo wir meinen, Gott beson­ders nahe zu sein.

Das Bild­nis, von dem hier die Rede ist, meint zunächst das geschnitzte oder gegossene Göt­ter­bild, wie es in den antiken Kul­turen üblich war. Die Völk­er rings um Israel hat­ten ihre Göt­ter­stat­uen, ihre heili­gen Fig­uren, ihre sicht­baren Repräsen­ta­tio­nen des Göt­tlichen. Man kon­nte sie anfassen, schmück­en, vor ihnen nieder­fall­en. Es gab einen Ort, an dem die Got­theit gewis­ser­maßen wohnte, einen Ort, den man auf­suchen, an dem man opfern kon­nte. Das gab Sicher­heit. Man wusste, wo man Gott find­en kon­nte.

Israel wurde in eine andere Rich­tung gerufen. Der Gott, der sich Mose am bren­nen­den Dorn­busch offen­barte, der Gott, der sein Volk aus Ägypten führte, dieser Gott ließ sich nicht ein­fan­gen in Holz oder Stein. Er war da, ohne dass man ihn sehen kon­nte. Er sprach, ohne dass man sein Gesicht schaute. Am Sinai hörte das Volk seine Stimme aus Feuer und Wolke, aber nie­mand sah seine Gestalt. Mose selb­st, der Gott näher kam als irgen­dein ander­er Men­sch, durfte Gottes Angesicht nicht sehen. “Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Men­sch wird leben, der mich sieht” (2. Mose 33,20). Gott zeigte ihm seine Her­rlichkeit von hin­ten, im Vorüberge­hen, aber nicht von Angesicht zu Angesicht. Gottes Unsicht­barkeit ist keine Schwäche, son­dern Aus­druck sein­er Frei­heit. Er lässt sich nicht fes­thal­ten an einem Ort, nicht her­beizwin­gen auf Abruf, nicht manip­ulieren durch religiöse Tech­niken. Das zweite Gebot schützt genau diese Frei­heit Gottes. Es erin­nert uns daran: Gott über­steigt jede Vorstel­lung, die du dir von ihm machst.

Jedes Bild, das du dir formst, bleibt klein­er als er. Jede Vorstel­lung, die du dir zurechtlegst, engt ihn ein. Und sobald du beginnst, das Bild zu verehren statt den lebendi­gen Gott, verehrst du nicht mehr ihn; son­dern nur noch die Pro­jek­tion dein­er eige­nen Wün­sche und Äng­ste.

Das ist die tiefe Gefahr der Bilder. Sie geben uns das Gefühl, Gott zu haben, ihn ver­standen zu haben, ihn fes­thal­ten zu kön­nen. Aber in Wahrheit haben wir dann nur noch unser eigenes Kon­strukt. Das gold­ene Kalb, das Israel in der Wüste errichtete, war nicht als Ersatz für den HERRN gedacht. Das Volk sagte nicht: Wir wollen einen anderen Gott. Sie sagten: “Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten­land geführt hat” (2. Mose 32,4). Sie woll­ten den HERRN anbeten, aber sie woll­ten ihn sicht­bar haben, greif­bar, ver­füg­bar. Das Kalb sollte den unsicht­baren Gott repräsen­tieren. Aber genau darin lag der Abfall. Sie hat­ten Gott zu dem gemacht, was sie ver­ste­hen kon­nten, zu dem, was in ihr Welt­bild passte, zu dem, was sie kon­trol­lieren kon­nten.

Wir leben nicht mehr in ein­er Zeit, in der Men­schen gold­ene Käl­ber gießen. Aber wir leben in ein­er Zeit, in der wir ständig Bilder von Gott machen. Wir for­men ihn nach unseren Vorstel­lun­gen, nach unseren Wün­schen, nach unseren Bedürfnis­sen. Da ist der Gott, der immer nett ist, der nie fordert, der nie stört, der nur seg­net und bestätigt: der Gott der Liebe, der auss­chließlich liebt, der nichts ver­langt, keine Buße, keine Umkehr, der mich nie infrage stellt und mich immer so lässt, wie ich bin. Ein Gott, der alles bil­ligt, weil er ange­blich nichts anderes kann als lieb sein. Und daneben ste­ht der Gott, der nur tröstet, aber nie kon­fron­tiert. Der Gott, der meine Wun­den salbt, aber nie meine Sün­den benen­nt. Der Gott, der mich umarmt, aber nie ver­wan­delt. Ein Gott, der mich beruhigt, aber nicht erneuert. Oder der Gott, der meine Spir­i­tu­al­ität zum Well­nesspro­gramm macht: ein Gott für innere Bal­ance, für gute Gefüh­le, für seel­is­che Hygiene. Ein Gott, der mich entspan­nt, aber nicht her­aus­fordert. Ein Gott, der mich zen­tri­ert, aber nicht sendet.

Und schließlich der Gott, der meine Überzeu­gun­gen spiegelt: der Gott, der so denkt wie ich, der so empfind­et wie ich, der meine Sicht der Dinge bestätigt. Ein Gott, der erstaunlich oft mein­er Stimme gle­icht – und erstaunlich sel­ten der Stimme der Heili­gen Schrift. Doch all diese Göt­ter haben eines gemein­sam: Sie sind klein. Sie sind han­dlich. Sie sind ver­füg­bar. Sie sind Pro­jek­tio­nen.

Das zweite Gebot stellt sich genau gegen diese Ver­suchung. Es ruft uns zurück zu dem Gott, der größer ist als unsere Wün­sche, größer als unsere Bilder, größer als unsere Bedürfnisse. Ein Gott, der frei ist; frei von unseren Erwartun­gen, frei von unseren Kat­e­gorien, frei von unseren Kon­struk­tio­nen. Und ger­ade diese Frei­heit Gottes ist unser Heil: Denn nur ein Gott, der uns wider­sprechen darf, kann uns auch ver­wan­deln. Nur ein Gott, der uns infrage stellt, kann uns erneuern. Nur ein Gott, der größer ist als unsere Bilder, kann uns ret­ten.

Da ist der Gott, der unsere poli­tis­chen Überzeu­gun­gen teilt, der selb­stver­ständlich auf unser­er Seite ste­ht, der unsere Geg­n­er verurteilt und unsere Agen­da heiligt. Ein Gott, der erstaunlich oft so denkt wie wir, so fühlt wie wir, so wählt wie wir. Ein Gott, der unsere Empörung bestätigt und unsere Feind­bilder sta­bil­isiert. Doch ein solch­er Gott ist nicht der lebendi­ge Gott der Heili­gen Schrift, son­dern ein Spiegel­bild unser­er eige­nen Überzeu­gun­gen. Ein Gott, der immer „für uns“ und „gegen die anderen“ ist, ist kein Gott mehr, son­dern ein Werkzeug unser­er Iden­tität­spoli­tik. Er fordert uns nicht her­aus, er wider­spricht uns nicht, er ruft uns nicht zur Umkehr – er bestätigt nur, was wir ohne­hin schon dacht­en.

Das zweite Gebot schützt uns genau vor dieser Ver­suchung. Es erin­nert uns daran, dass Gott nicht in unseren poli­tis­chen Kat­e­gorien aufge­ht. Er ist wed­er die Ver­längerung unser­er Ide­olo­gien noch der Garant unser­er moralis­chen Selb­st­gewis­sheit. Gott ist frei; frei von unseren Pro­jek­tio­nen, frei von unseren Lagern, frei von unseren Loy­al­itäten. Und ger­ade diese Frei­heit Gottes ist unsere Hoff­nung: Denn nur ein Gott, der größer ist als unsere Überzeu­gun­gen, kann uns kor­rigieren, heilen, ver­söh­nen und verän­dern.

Da ist der Gott, der ein ther­a­peutis­ch­er Begleit­er ist, der uns hil­ft, uns bess­er zu fühlen, der unsere Stim­mung hebt, unsere Selb­stzweifel beruhigt, unsere Wun­den stre­ichelt; aber der nie wirk­lich in unser Leben ein­greifen darf. Ein Gott, der uns emo­tion­al unter­stützt, aber uns nie zur Heili­gung her­aus­fordert. Da ist der Gott, der streng und unbarmherzig ist, der jeden Fehler bestraft, der nur Leis­tung sieht und keine Gnade ken­nt. Ein Gott, der uns ständig beobachtet, ständig bew­ertet, ständig misst – und der uns nie wirk­lich liebt, son­dern nur toleriert, solange wir funk­tion­ieren. Ein Gott, der uns klein macht, statt uns aufzuricht­en.

Und da ist der Gott, der sich in unsere religiösen Sys­teme ein­fügt: der Gott, der unsere Tra­di­tio­nen bestätigt, unsere Fröm­migkeitsstile heiligt, unsere litur­gis­chen Vor­lieben legit­imiert. Ein Gott, der so sehr in unseren For­men aufge­ht, dass wir ihn kaum noch von unseren Gewohn­heit­en unter­schei­den kön­nen. Oder der Gott, der unser per­sön­lich­es Erfol­gskonzept stützt: der Gott, der uns Wohl­stand ver­spricht, der unsere Pläne seg­net, der unsere Träume garantiert. Ein Gott, der uns nicht in die Nach­folge ruft, son­dern in die Selb­stver­wirk­lichung. Und schließlich der Gott, der uns moralisch über­höht: der Gott, der uns recht gibt, der unsere Tugend­haftigkeit bestätigt, der uns auf die Seite der „Guten“ stellt. Ein Gott, der uns erlaubt, auf andere her­abzuse­hen, weil wir ja „auf sein­er Seite“ ste­hen.

Doch all diese Göt­ter haben eines gemein­sam: Sie sind Pro­jek­tio­nen. Sie sind men­schliche Pro­jek­tio­nen. Sie sind klein­er als wir. Sie sind han­dlich, kon­trol­lier­bar, ver­füg­bar. Sie fordern uns nicht her­aus, sie wider­sprechen uns nicht, sie ver­wan­deln uns nicht. Das zweite Gebot ent­larvt diese Göt­ter­bilder. Es ruft uns zurück zu dem Gott, der größer ist als unsere Wün­sche, größer als unsere Äng­ste, größer als unsere Sys­teme. Ein Gott, der frei ist; frei von unseren selb­st­gemacht­en Pro­jek­tio­nen, frei von unseren Kat­e­gorien, frei von unseren Kon­struk­tio­nen. Und ger­ade diese Frei­heit Gottes ist unsere Ret­tung. Denn nur ein Gott, der nicht in unsere Bilder passt, kann uns aus unseren Bildern befreien. Nur ein Gott, der uns wider­sprechen darf, kann uns erneuern. Nur ein Gott, der größer ist als wir, kann uns erlösen.

In all den Göt­tern, die wir aufgezählt haben, geht es im zweit­en Gebot. Es geht nicht nur um Fig­uren aus Holz oder Stein, nicht nur um Heili­ge­nan­be­tun­gen, Reliquien, Knochen oder Bilder an Kirchen­wän­den. Das alles sind nur die sicht­baren For­men. Die eigentliche Gefahr liegt viel tiefer. Sie sitzt in unseren Köpfen, in unserem Denken, in unserem Herzen. Dort entste­hen die Götzen­bilder: leise, sub­til, oft unbe­merkt. Dort for­men wir uns einen Gott, der zu uns passt, der uns nicht wider­spricht, der unsere Wün­sche bestätigt und unsere Äng­ste beruhigt. Die Götzen unser­er Zeit sind nicht äußer­lich – sie sind inner­lich. Und ger­ade deshalb sind sie so gefährlich. All diese Gottes­bilder sind Kon­struk­tio­nen. Sie entste­hen nicht aus der Offen­barung Gottes, son­dern aus unseren Pro­jek­tio­nen. Wir nehmen Teile der bib­lis­chen Botschaft und ver­größern sie, bis sie das Ganze verdeck­en. Oder wir nehmen unsere Erfahrun­gen, unsere Ver­let­zun­gen, unsere Prä­gun­gen und malen daraus ein Bild von Gott, das mit dem lebendi­gen Gott wenig zu tun hat. Das zweite Gebot warnt uns davor. Es sagt: Pass auf, dass du nicht anfängst, deine Vorstel­lung von Gott anzu­beten statt Gott selb­st.

Und davor sind selb­st die bibel­treuesten Chris­ten nicht gefeit – im Gegen­teil. Ger­ade dort, wo man sich beson­ders sich­er fühlt, „nur der Schrift“ zu fol­gen, entste­ht oft ein neues, sub­til­eres Götzen­bild: das Gottes­bild der eige­nen the­ol­o­gis­chen Kon­struk­tion. Man hält an Sys­te­men fest, an Denkschema­ta, an Lehrge­bäu­den, die irgend­wann wichtiger wer­den als der lebendi­ge Gott selb­st. Man vertei­digt nicht mehr Gott, son­dern das eigene Ver­ständ­nis von ihm. Und ohne es zu merken, betet man nicht mehr den Gott der Bibel an, son­dern den Gott der eige­nen Ausle­gung.

Die refor­ma­torische The­olo­gie hat das klar erkan­nt. Wir kön­nen Gott nicht aus uns selb­st her­aus erken­nen. Wir kön­nen uns nicht zu ihm hin­auf­denken. Mar­tin Luther sprach vom ver­bor­ge­nen Gott, dem Deus abscon­di­tus, der in sein­er Majestät und Heiligkeit für uns unzugänglich ist. Wenn wir ver­suchen, diesen Gott mit unserem Ver­stand zu erfassen, verir­ren wir uns. Wir bauen Gedankenge­bäude, die uns am Ende erdrück­en oder in die Irre führen. Aber Gott hat sich offen­bart. Er hat sich gezeigt, nicht in einem Bild, das wir machen, son­dern in einem Bild, das er selb­st gibt. “Chris­tus ist das Eben­bild des unsicht­baren Gottes” (Koloss­er 1,15).

Hier liegt der entschei­dende Unter­schied. Das zweite Gebot ver­bi­etet uns, Bilder von Gott zu machen. Bilder in äußeren For­men und Bilder in unseren Köpfen und Herzen. Aber Gott selb­st hat uns ein Bild gegeben: Jesus Chris­tus. Nicht ein geschnitztes Bild, nicht eine Vorstel­lung, nicht eine Idee, son­dern eine Per­son. Ein Leben, das gelebt wurde. Worte, die gesprochen wur­den. Tat­en, die voll­bracht wur­den. Lei­den, das ertra­gen wurde. Tod, der gestor­ben wurde. Aufer­ste­hung, die geschenkt wurde. In Jesus sehen wir, wer Gott ist. Nicht alles, aber genug. Nicht seine ganze uner­messliche Her­rlichkeit, aber seine Liebe, seine Gnade, seine Gerechtigkeit, seinen Willen. “Wer mich sieht, der sieht den Vater” (Johannes 14,9).

Und auch hier beste­ht eine große Gefahr: all die Jesus­bilder, die wir uns aus­malen – in unseren Köpfen, in unseren Herzen, in unseren Fröm­migkeitsstilen. Bilder davon, wie Jesus „sein muss“, wie er zu reden hätte, wie er zu fühlen hätte, wie er han­deln sollte. Und erst recht die unzäh­li­gen KI‑Bilder von Jesus, die uns weis­machen wollen, wie er aus­ge­se­hen haben kön­nte. All diese Bilder ver­führen uns. Sie geben uns das Gefühl, Jesus „in der Hand“ zu haben, ihn zu ken­nen, ihn zu definieren. Und wir posten sie täglich, liken sie, teilen sie – und merken nicht, wie sie sich in unsere Vorstel­lung schle­ichen und unser Herz for­men. Doch auch diese Bilder sind Pro­jek­tio­nen. Sie zeigen nicht den lebendi­gen Chris­tus, son­dern unsere Sehn­süchte, unsere kul­turellen Prä­gun­gen, unsere Ästhetik. Und wenn wir nicht wach­sam sind, begin­nen wir, das Bild zu verehren statt den Her­rn selb­st.

Das ist die christliche Antwort auf das zweite Gebot. Wir beten keine selb­st­gemacht­en Bilder an. Wir beten den an, der sich selb­st offen­bart hat. Wir richt­en unser Leben nicht an unseren Gottesvorstel­lun­gen aus, son­dern an dem, was Jesus uns über Gott gezeigt hat. Das ist eine demütige Hal­tung. Sie sagt: Ich muss Gott nicht ver­ste­hen. Ich muss nicht alle Fra­gen beant­worten kön­nen. Ich muss nicht ein voll­ständi­ges Sys­tem haben. Ich brauche keine per­fek­te The­olo­gie. Ich brauche nur Chris­tus. In ihm sehe ich genug, um ihm zu ver­trauen, ihm zu fol­gen, ihn anzu­beten.

Und es genügt die Heilige Schrift. Denn in ihr hat Gott sich offen­bart – nicht in unseren Speku­la­tio­nen, nicht in unseren Gefühlen, nicht in unseren kul­turellen Bildern, son­dern in seinem Wort. Die Heilige Schrift ist nicht ein weit­eres Men­schen­bild von Gott, son­dern Gottes eigenes Zeug­nis über sich selb­st. Sie führt uns zu Chris­tus, sie bewahrt uns vor unseren Pro­jek­tio­nen, sie hält uns nahe an dem Gott, der sich in seinem Sohn gezeigt hat. Darum genügt sie: nicht als Wis­sensspe­ich­er, son­dern als lebendi­ge Stimme, die uns zu dem führt, der das wahre Bild Gottes ist.

Aber auch hier lauert eine Gefahr. Auch Jesus kann zum Idol wer­den, wenn wir ihn nach unserem Bild for­men. Es gibt den san­ften Jesus, der nur von Liebe spricht und nie kon­fron­tiert. Es gibt den rev­o­lu­tionären Jesus, der nur soziale Gerechtigkeit fordert. Es gibt den from­men Jesus, der nur religiöse Übun­gen lehrt. Es gibt den apoka­lyp­tis­chen Jesus, der nur Gericht predigt. All diese Jesus-Bilder sind Reduk­tio­nen; oft auch the­ol­o­gis­che Kon­struk­te. Sie nehmen einen Aspekt sein­er Botschaft und machen daraus das Ganze. Sie sind Ver­suche, Jesus über­schaubar zu machen, ihn in unsere Kat­e­gorien zu pressen, ihn für unsere Zwecke zu vere­in­nah­men.

Das zweite Gebot ruft uns auf, immer wieder zu den Quellen zurück­zukehren. Zu den Evan­gelien, zu den Apos­teln, zu dem Zeug­nis der Heili­gen Schrift. Nicht um Buch­staben anzu­beten, son­dern um dem zu begeg­nen, von dem die Buch­staben Zeug­nis geben. “Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kom­men, dass ihr das Leben hät­tet” (Johannes 5,39–40). Die Bibel ist nicht selb­st Gott, aber sie zeigt uns Gott. Sie kor­rigiert unsere Vorstel­lun­gen, sie erweit­ert unseren Hor­i­zont, sie kon­fron­tiert uns mit dem, was wir lieber aus­blenden wür­den.

In unser­er Bilder­welt ist das zweit­er Gebot aktueller denn je. Wir leben in ein­er Kul­tur, die von Bildern über­flutet wird. Wir sind ständig dabei, Bilder zu kon­sum­ieren, zu pro­duzieren, zu teilen. Auch religiöse Bilder. Auch Gottes­bilder. Social Media ist voll von Zitat­en, Sprüchen, Memes, die ein bes­timmtes Gottes­bild trans­portieren. Oft sind es tröstliche Worte, ermuti­gende Sätze, schöne Gedanken. Aber sie sind frag­men­tarisch. Sie zeigen einen Auss­chnitt, nicht das Ganze. Und wenn wir uns nur von solchen Frag­menten ernähren, bauen wir uns unbe­wusst einen Gott nach unserem Geschmack. Einen Gott, der uns gefällt, der uns bestätigt, der uns nie her­aus­fordert. Das zweite Gebot lädt uns ein, kri­tisch zu bleiben. Nicht zynisch, nicht mis­strauisch, aber wach­sam. Es fragt uns: Ist das wirk­lich Gott, den du da anbetest, oder ist es ein Bild, das du dir gemacht hast? Ist das wirk­lich Jesus, dem du fol­gst, oder ist es eine Ver­sion von ihm, die dir angenehm ist? Diese Fra­gen sind unbe­quem, aber sie sind notwendig. Sie schützen uns vor dem Selb­st­be­trug, vor der Illu­sion, dass wir Gott ver­standen haben, dass wir ihn im Griff haben.

Die Kirchengeschichte ist voll von Beispie­len, wo dieses Gebot mis­sachtet wurde. Nicht nur in der Verehrung von Stat­uen oder Iko­nen, die manch­mal zur Abgöt­terei wurde, son­dern auch in der Abso­lut­set­zung von The­olo­gien, von Tra­di­tio­nen, von kirch­lichen Struk­turen. Immer dann, wenn Men­schen mein­ten, Gott in ein Sys­tem pack­en zu kön­nen, wenn sie ihre Vorstel­lung von Gott mit Gott selb­st gle­ich­set­zten, wenn sie andere verurteil­ten oder ver­fol­gten im Namen dieses Gottes­bildes, dann wurde das zweite Gebot gebrochen. Dann wurde aus Anbe­tung Abgöt­terei. Die Ref­or­ma­tion war auch ein Auf­s­tand gegen solche Ver­ab­so­lu­tierun­gen. Luther und die anderen Refor­ma­toren riefen die Kirche zurück zu Chris­tus, zu der Heili­gen Schrift, zu der Gnade. Sie durch­brachen Sys­teme, die Men­schen in Knechtschaft hiel­ten, religiöse Bilder, die Angst macht­en statt Frei­heit zu schenken. Sie sagten: Gott ist größer als eure Tra­di­tio­nen, größer als eure Struk­turen, größer als eure the­ol­o­gis­chen Kon­struk­te. Kehrt zurück zu dem, was er selb­st gesagt hat. Hört auf, euch Bilder zu machen, die euch ver­sklaven.

Aber auch die refor­ma­torische Tra­di­tion ist nicht immun gegen diese GefahrAuch hier gibt es die Ver­suchung, bes­timmte Lehren, bes­timmte Beken­nt­nisse, bes­timmte Prak­tiken abso­lut zu set­zen. Auch hier kann aus dem lebendi­gen Glauben ein star­res Sys­tem wer­den. Auch hier kön­nen Gottes­bilder entste­hen, die mehr mit der eige­nen Tra­di­tion als mit der bib­lis­chen Offen­barung zu tun haben. Das zweite Gebot ist eine ständi­ge Mah­nung zur Demut. Es sagt: Bleib offen. Bleib lern­bere­it. Bleib kor­rigier­bar. Denn Gott ist immer größer als das, was du von ihm ver­standen hast.

Es gibt eine gesunde Form der Bilder­losigkeit. Eine Form des Glaubens, die damit leben kann, dass vieles im Dunkeln bleibt, dass viele Fra­gen offen bleiben, dass Gott nicht in klare Kat­e­gorien passt. Hiob musste das ler­nen. Er rang mit Gott, er stellte Fra­gen, er forderte Antworten. Und am Ende bekam er keine Erk­lärung für sein Lei­den, keine the­ol­o­gis­che Lösung, keine befriedi­gende Antwort. Er bekam eine Begeg­nung mit Gott selb­st. Und das genügte. “Ich hat­te von dir nur vom Hören­sagen ver­nom­men; aber nun hat mein Auge dich gese­hen” (Hiob 42,5). Nicht ein Bild, nicht eine Vorstel­lung, son­dern eine Begeg­nung. Das ist es, was zählt. Das zweite Gebot ruft uns in diese Hal­tung. Es sagt: Mach dir keine Bilder, son­dern lass dich beschenken mit Begeg­nung. Bete nicht deine The­olo­gie an, son­dern den lebendi­gen Gott. Diene nicht deinen Vorstel­lun­gen, son­dern dem, der sich dir zeigt. Ver­traue nicht auf dein Ver­ständ­nis, son­dern auf seine Treue. “Ver­lass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und ver­lass dich nicht auf deinen Ver­stand” (Sprüche 3,5).

Das ist Frei­heit. Nicht die Frei­heit, zu glauben, was wir wollen, son­dern die Frei­heit von der Last, Gott definieren zu müssen. Die Frei­heit, klein zu sein vor dem Großen, unwis­send zu sein vor dem All­wis­senden, emp­fan­gend zu sein vor dem Geben­den. Das zweite Gebot ist ein Schutzge­bot. Es schützt Gottes Majestät, aber es schützt auch uns. Es bewahrt uns davor, unsere Energie an selb­st­gemachte Götzen­bilder zu ver­schwen­den, an Kon­struk­te, die uns nicht ret­ten kön­nen, an Vorstel­lun­gen, die zu klein sind, um unser Leben zu tra­gen.

In Chris­tus erfüllt sich dieses Gebot auf wun­der­bare Weise. Er ist das Bild, das wir nicht gemacht haben, son­dern das uns geschenkt wurde. Er ist die Offen­barung, die nicht aus uns kommt, son­dern zu uns kommt. Und wer ihn ansieht, sieht nicht nur ein Bild, son­dern das Orig­i­nal. Nicht eine Repräsen­ta­tion, son­dern die Wirk­lichkeit selb­st. “In ihm wohnt die ganze Fülle der Got­theit leib­haftig” (Koloss­er 2,9). Das ist das Geheim­nis der Men­schw­er­dung. Gott wird sicht­bar, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Er kommt nahe, ohne seine Heiligkeit zu ver­lieren. Er lässt sich erfassen, ohne sich ver­füg­bar zu machen. Vielle­icht ist die wichtig­ste Übung, die das zweite Gebot von uns fordert, die Übung des Loslassens. Loszu­lassen von unseren Sicher­heit­en, von unseren Gewis­sheit­en, von unseren fer­ti­gen Antworten. Nicht im Sinne eines Rel­a­tivis­mus, der alles für gle­ich gültig oder gle­ich ungültig hält, son­dern im Sinne ein­er tiefen Ehrfurcht vor dem Geheim­nis Gottes. Wir dür­fen wis­sen, aber wir müssen nicht alles wis­sen. Wir dür­fen Gott begeg­nen, aber wir kön­nen ihn nicht besitzen. Wir dür­fen von ihm sprechen, aber wir soll­ten nie vergessen, dass unsere Worte stets zu kurz greifen.

Das zweite Gebot ist eine Ein­ladung zur Anbe­tung, zur echt­en Anbe­tung. Nicht zur Anbe­tung unser­er Gottes­bilder, son­dern zur Anbe­tung dessen, der über allen Bildern ste­ht. Zur Anbe­tung im Geist und in der Wahrheit, wie Jesus es genan­nt hat (Johannes 4,24). Ein­er Anbe­tung, die nicht an Orte gebun­den ist, nicht an For­men, nicht an Vorstel­lun­gen, son­dern die aus dem Herzen kommt, das sich dem lebendi­gen Gott öffnet, so wie er ist, nicht wie wir ihn gerne hät­ten.

Ehre sei Gott allein, dem Ursprung und Ziel unseres Weges. Amen.

Published by BBECK